Ausgabe 4/2015

    Soziales Wachkoma

    Soziales Wachkoma

    Strichätzung 4/2015 Thomas Klefisch Strichätzung 4/2015

    Kinder, Kinder, jetzt haben wir auch schon wieder zehn Jahre Hartz IV. Zu feiern gibt´s dabei nichts. Im Gegenteil. Wie kam der Monatsregelsatz damals bei der Abschaffung des Sozialstaats überhaupt zustande? Ich glaube, so: Peter Hartz lag eines Nachts neben seinem brasilianischen Escort-Girl.

    Als es später ans Bezahlen ging, hat der VW-Mann (!) sich gedacht: »Ist das teuer!! Da kann ja in Deutschland ein normaler Mensch ´n Monat von leben.« – Da kann man bedauern, dass brasilianische Prostituierte keine Gewerkschaft haben. Gäbe es da nämlich ein Nutten-ver.di, hätten die Callgirls am Zuckerhut vielleicht einen doppelt so hohen Stundenlohn und die Arbeitslosen in Deutschland einen vernünftigen Monatsregelsatz. So lassen sich die Auswirkungen der Globalisierung auch mal anschauen. Stattdessen darf jeder, der in Hartz IV kommt, als soziales Prekariat im sozialen Wachkoma abseits des gesellschaftlichen Lebens seine Zeit verbringen und den ganzen Tag im Privatfernsehen gucken, wie die Hartzer ständig als faule Volldeppen-Karikaturen vorgeführt werden – nach dem Motto »Deutschland sucht den Super-Asi«. Damit die Mittelschicht sich vor der Unterschicht gruselt und dabei vergisst, der Oberschicht auf die Finger zu klopfen. 50 Prozent der Deutschen übrigens glauben von sich selbst, sie gehörten zum reichsten Zehntel. Deshalb findet sich immer eine Mehrheit für Steuergesetze, die nur den Allerreichsten nützen. Aber nach unten: Entsolidarisierung. Als wäre Hartz IV ansteckend. Dabei wissen wir nach zehn Jahren, dass es jeden mal erwischen kann. Aber die Mittelschicht im Bionade-Getto trinkt sich lieber bei Vivaldi und Latte macchiato den Kapitalismus schön, als solidarisch zu sein.

    Wolfgang Clement hat zur Einführung von Hartz IV gesagt: »Wir werden die Arbeitslosen in Deutschland halbieren.« Er hat recht behalten: halber Lebensstandard, halbe Gesundheit, halbe Würde. Und die SPD hat nur noch halb so viele Mitglieder. Klassische Loose-loose-Situation. Manchmal frage ich mich mit Blick auf die SPD-Spitze auch heute: Haben die was genommen – und wenn nicht –, sollten die nicht was nehmen? Dringendst!

     

    ROBERT GRIESS