Ausgabe 4/2015

    Es geht immer auch anders

    Es geht immer auch anders

    Hinrik von Normann wirkt verdammt jung und ist doch fast schon ein Urgestein. Seit 1997 arbeitet er beim Bonner »General-Anzeiger«. Im Frühjahr 2014 ging er in die dritte Runde als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Bei ver.di ist er als konstruktiver Querdenker bekannt; Kollegen sagen über ihn, er habe einen neuen Geist in die Betriebsratsarbeit gebracht. Die rund 300 Beschäftigten in Redaktion, Verlag und Druckerei stehen hinter ihrem Betriebsrat, in dem Teamarbeit alles ist und Kommunikation großgeschrieben wird.

    Schon auf den ersten Blick kann man erkennen: Hinrik von Normann ist keiner, der in der Masse untertaucht. Zur Verabredung kommt er mit dem Motorrad angebraust und wirkt auf den ersten Blick wie ein großer Junge. Sein Haarschnitt lässt eine gewisse Sympathie für Punk vermuten, er lebt mit Frau und Kleinkind in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft und spielt Schlagzeug in einer Band. Gleichzeitig ist dieser unkonventionelle Typ mit Leib und Seele Maschinenführer in der Druckerei und seit 2002 im Betriebsrat des altehrwürdigen Bonner »General-Anzeigers« aktiv. Die Zeitung ist mit rund 80.000 täglichen Exemplaren Platzhirsch in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Die in der Branche üblichen Auflagenrückgänge, die in den letzten Jahren die meisten Zeitungen und Zeitschriften verzeichneten, fallen in Bonn nicht ganz so dramatisch aus. Und bislang blieb, auch dank engagierter Betriebsratsarbeit, die selten gewordene traditionelle Betriebsstruktur eines Zeitungshauses erhalten: Redaktion, Verlag und Druckerei befinden sich an einem Standort, in einem Unternehmen. »Eine in vieler Hinsicht positive Struktur«, betont Hinrik die Vorzüge. »Wir sind unabhängig, können unsere Printprodukte eigenständig gestalten und produzieren.« Aktuell allerdings konfrontiert die Geschäftsleitung Belegschaft und Betriebsrat erneut mit Auslagerungs- und Fremdvergabeplänen. Als Antwort darauf diskutiert der Betriebsrat, unterstützt von ver.di, mit Beschäftigten und Besitzern der Zeitung die Überführung des Druckzentrums in eine mitarbeitergeführte Genossenschaft. Eine ebenso spannende wie unkonventionelle Initiative. Eine Alternative von unten gegen übliches Outsourcing und Unternehmenszergliederung. Hinrik von Normann ist bereit dazu: »Es geht eben immer auch anders. Und: Einfach kann jeder.«

    Verbindliche  Absprachen

    Im Betriebsratsbüro beim »Generalanzeiger«ist der drahtige Mann sofort im Arbeitsmodus. Herzlich begrüßt er seine Kollegin und Betriebs- ratsvorsitzende Imke Habegger. »Wir wollen ein demokratisches Gremium, keinen Alleinherrscher«, sagen die beiden. Angetreten sind sie von vornherein als Vorsitzendenteam. Als Sprecher/innen des Gremiums agieren sie gemeinsam und gleichberechtigt. Imke ist Redakteurin, Hinrik aus der Druckerei. Weil sie eine Kultur des intensiven Austauschs und verbindlicher Absprachen pflegen, sind beide gleichermaßen in der Lage, auf betriebliche Entwicklungen angemessen zu reagieren. Unabhängig, ob es nun ein Technik- oder Verlags- oder Redaktionsthema ist. Die Redakteurin und der Maschinenführer bezeichnen sich oft augenzwinkernd als Dreamteam – das Gespann funktioniert gut. Die weiteren sieben Betriebsratsmitglieder ziehen mit ihnen an einem Strang. Die sehr unterschiedlichen Mentalitäten im Gremium helfen, die verschiedenen Beschäftigtengruppen anzusprechen und zu gewinnen. Die Belegschaft wissen sie hinter sich. Die oft hinderlichen Abgrenzungen zwischen den Kolleginnen und Kollegen in Druckerei, Verlag und Redaktion sind beim Bonner »General-Anzeiger« weniger stark ausgeprägt. In Tarifauseinandersetzungen stehen Redakteurinnen bzw. Redakteure und Drucker schon mal gemeinsam vor dem Tor.

    Selbstverständlich ist das nicht. Der Betriebsrat kommuniziert ständig und sichert Transparenz der Entscheidungen. »Wir benennen die Missstände im Betrieb offen, informieren unsere Leute ständig, sorgen für Rückkopplung vor allen Entscheidungen, nehmen Sorgen ernst«, erläutert Imke. Hinriks »Baby«, ein Mitteilungsblatt des Betriebsrates namens »Generell gut informiert« – ein ehemaliger Werbeslogan der Zeitung –, ist ein wichtiger Baustein dieser Informationsstrategie.

    Im Gespräch wird schnell klar: Hinrik von Normann brennt für seine Aufgabe. Aber er ist auch einer, der gut überlegt, bevor er etwas sagt. Man spürt, wie es ihn schmerzt, wenn er als Betriebsrat an Handlungsgrenzen gerät. Etwa wenn Stellen nicht wiederbesetzt werden, obwohl die Kolleg/innen bereits bis zur Schmerzgrenze ausgelastet sind. Oder wenn Leiharbeit im Unternehmen nicht vollständig verhindert werden kann. »Baustellen gibt es viele«, sagt er. Und dennoch weiß er sich in diesem Job, bei dem niemals alles erledigt ist, vor dem Ausbrennen zu schützen: Weit mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit steht Hinrik an der Druckmaschine: »Ich liebe meinen Job und möchte ihn nicht vollständig ruhen lassen.« Von Wahlen möchte sich der 45-Jährige nicht abhängig machen: »Es wäre fatal, wenn ich keine Alternativen zur Betriebsratsarbeit hätte.«

    Erfolg definiert sich kollektiv

    Der Mann ist gut geerdet und hält sich nicht für unersetzbar. Und er lebt das, wofür er sich einsetzt: Von April 2014 bis Juli 2015 ging er in Elternzeit und nutzte den Freiraum, um mit seiner Lebensgefährtin Eva und Söhnchen Timo von Osteuropa bis nach Marokko zu touren. »Es war richtig toll«, berichtet er mit glänzenden Augen. »24 Stunden, sieben Tage die Woche Familie. Ohne Einflüsse von außen. Das war gut für uns und lässt mich heute viele Probleme aus einem anderen Blickwinkel sehen.« Sein kleiner Sohn musste sich nach der Rückkehr ins »stationäre Hauptquartier« erst einmal an die feste Behausung gewöhnen – der hatte sein erstes Lebensjahr fast komplett im Wohnmobil verbracht.

    Auch jetzt ist das Zuhause der kleinen Familie keines, das Durchschnittserwartungen entspricht: In der Bonner Altstadt teilen sie sich ein Haus mit weiteren sechs Erwachsenen und zwei Kindern. Jede Partei dieser großen Wohngemeinschaft hat eigene Privaträume; die große Küche wird gemeinsam genutzt und ist Begegnungsraum. »Wir versuchen, im Kleinen so zu leben, wie wir es uns im Großen wünschen würden. Das geht nicht konfliktfrei ab, ist aber für uns eine echte Alternative zu konventionellen Lebensentwürfen.«  Lösung gefunden? »Leben ist Bewegung und Veränderung – wir werden sehen«, meinen Hinrik und Eva.
    Dennoch gibt es neben Job und Berufung noch eine Konstante im Leben des Gewerkschafters – seine Leidenschaft für Musik. Seit 22 Jahren ist er als Schlagzeuger Mitglied einer Ska- und Punkrockband, die allwöchentlich probt und ab und an auch Konzerte gibt. »Es ist die beständige Beschäftigung mit Musik, Texten und Inhalten, der Austausch mit den Bandkollegen, die Freundschaft, die uns verbindet.« Ihre Band
    namens Parallelgesellschaft hat ein scharfes politisches Profil mit selbst geschriebenen deutschen Stücken. »Freiheit entsteht, wo wir die Macht brechen, wo wir gemeinsam aus einem Mund sprechen«, heißt es da zum Beispiel. Und schon wird klar, dass dies nicht die andere Seite des Hinrik von Normann ist, sondern nur eine seiner Facetten. Er steht beruflich und privat für ein Denken in anderen Dimensionen als denen von Macht und Besitz. Erfolg definiert sich für ihn kollektiv. Er macht nicht viel Gerede. Er lebt einfach seinen Grundsatz: »Eine andere Welt ist möglich – aber man muss sie auch machen.«

    GUNDULA LASCH