Durchschuss

    Zahlen lügen nicht

    Zahlen lügen nicht

    Institut für Bildung, Medien und Kunst, Heinrich-Hansen-Haus Lage-Hörste IMK IMK Lage-Hörste

     

    Fragen an ver.di-Bundesvorstandsmitglied Dina Bösch zur Bildungsstätte Lage-Hörste


    D+P: Der Bundesvorstand empfiehlt die Schließung des Heinrich-Hansen-Hauses in Lage-Hörste. Die Vorlage dazu stammt von Dir und der Beschluss dazu fiel, wie man hört, einstimmig. Müsstest Du als Verantwortliche für Bildungsarbeit und Bildungszentren nicht aus Prinzip gegen das Aus für ein solches Haus stimmen?

    Dina Bösch: Wenn man im ver.di-Bundesvorstand für die Bildungszentren verantwortlich ist, dann umfasst das alle zehn Häuser. Deshalb ist jede Entscheidung auch bedeutsam für alle diese Häuser. Wir hatten die extrem schwierige Frage zu beantworten, ob es verantwortbar ist, über drei Millionen in ein einziges Haus zu investieren. Was gleichzeitig bedeutet, dass zwei Jahre lang in keines der anderen Häuser irgendetwas investiert werden könnte. Die Situation ist außerdem die: Alle Häuser haben einen Investitionsstau. Es stehen im Jahr für Investitionen in Bildungszentren nur zwei Millionen Euro zur Verfügung. Ich kann also meinen Fokus gar nicht nur auf ein einziges Haus richten – egal, um welches es sich handelt. Da es nun aber um Lage-Hörste geht, ist außerdem eine Besonderheit zu beachten. In 15 Kilometer Entfernung befindet sich mit dem „Bunten Haus“ ein weiteres ver.di-Bildungszentrum. Und beide Häuser sind nicht ausreichend ausgelastet...

    Das Problem haben nicht nur diese beiden Häuser.

    Stimmt, aber es gibt natürlich besser ausgelastete. Insgesamt gilt schon, dass in allen Häusern in Sachen Auslastung noch mehr gehen würde.

    Ich muss nochmals insistieren: Hättest Du als Person Dich nicht anders positionieren müssen? Beim letzten ver.di-Kongress hast Du die Bedeutung der Bildungsarbeit für eine gerechte und solidarische Gesellschaft hervorgehoben und damit im Zusammenhang den Erhalt aller zehn Bildungszentren...

    In der Beschlussvorlage, die ich jetzt eingebracht habe, geht es nicht um die Zukunft der ver.di-Bildungsarbeit, sondern darum, dass die Immobilie Lage-Hörste über den 31. Dezember 2015 hinaus keine Zukunft hat. Die gute Bildungsarbeit des Hauses dagegen muss eine Zukunft haben. Und sie wird auf jeden Fall fortgeführt. Und auch wenn es schwierig ist, muss ich auch meiner Führungsverantwortung gerecht werden. Wir als ver.di-Bundesvorstand und ich persönlich tragen ja nicht nur Verantwortung für die zehn zentralen Bildungszentren, sondern für die Gesamtorganisation. Und wenn ich eine solche Beschlussvorlage einbringe, dann muss ich auch dazu stehen. Das fällt mir nicht leicht und verursacht unruhige Nächte, aber ich stehe zu meiner Gesamtverantwortung.

    Betrachten wir diese Gesamtverantwortung. Du hast von einem generellen Investitionsstau für alle Bildungsstätten gesprochen. Es wurde aber bisher durchaus unterschiedlich in die einzelnen Häuser investiert. Lage-Hörste ist da über Jahre nicht gerade reichlich bedacht worden. In den Jahren 2007 bis 2011 mit lediglich 227 000 Euro.

    Das Heinrich-Hansen-Haus befand sich auch über viele Jahre in keiner guten Verfassung.  Die ver.di-Immobilienverwaltung hat zudem klare Kriterien für Investitionen. Zu allererst sind gesetzliche Vorgaben einzuhalten, dann gibt es so etwas wie eine technische Dringlichkeit. Wenn irgendwo die Heizung oder ein Herd kaputtgeht, dann muss das repariert werden. Drittens müssen überall bestimmte Standards gehalten werden. Unterm Strich funktionieren die Bildungszentren nach einem solidarischen Prinzip: Im Saldo müssen wir ein ausgeglichenes Jahresergebnis hinbekommen. Es ist also immer eine Balance auszutarieren.

    Und ein solches solidarisches Austarieren in den nächsten Jahren würde es nicht ermöglichen, Lage-Hörste gemeinsam zu erhalten?

    Es würde nicht funktionieren: Wenn wir tatsächlich investieren und bauen würden, müsste das Haus für ein dreiviertel Jahr, eher ein Jahr geschlossen werden. Und die jetzt zu investierenden mindestens drei Millionen sichern am Ende nur den Brandschutz und bedeuten neue Bäder. Da ist noch keine Wand neu gestrichen, kein neuer Schrank gekauft. Wenn man so lange schließen muss, dann müsste man auch Zimmer, Seminar- und Gemeinschaftsräume richtig modernisieren. Diesen Spielraum haben wir einfach nicht, zumal auf längere Zeit keine Investitionsmittel für alle übrigen Bildungszentren zur Verfügung stünden.

    Das Problem ist ja nicht plötzlich entstanden. Seit 2003 sind für Lage-Hörste Probleme mit dem Brandschutz bekannt und auch thematisiert worden. Hätte man nicht längst etwas tun müssen?

    In einem Gutachten aus dieser Zeit gab es von den Fachleuten unterschiedliche Einschätzungen. Der Brandschutz war über all die Jahre immer gewährleistet. Das versteckte Problem schlummerte allerdings vermutlich schon lange. Hätte man früher angefangen zu bauen, hätte es sich eher offenbart. Das Dilemma wäre das Gleiche gewesen. Ob man vor Jahren anders damit umgegangen wäre, bezweifle ich sehr. Gut, Brandschutzauflagen haben sich in den letzten Jahren noch verschärft. Die Lawine, die jetzt über uns gekommen ist, wurde aber erst in der Projektierung der Baumaßnahmen losgetreten. Wir wollten ja bauen, dafür wurden 2013 bereits 750 000 Euro eingeplant. Wäre es dabei geblieben, müssten wir darüber kein Wort mehr verlieren.

    Ein Schließungsgedanke wäre nie aufgekommen?

    So wie jetzt? Nein. Allerdings war Lage-Hörste schon über Jahre ernsthaft in der Existenz gefährdet. Es gab einen Niedergang in Attraktivität, Angebot und Auslastung.  Erst Holger Menze hat als Leiter das Ruder herumgerissen. Josef Peitz als sein Nachfolger hat die Trendwende fortgesetzt. Beide haben den Fachbereich 8 wieder enger ans Haus gebunden. Umso dramatischer sind natürlich jetzt die Auswirkungen des baulichen Dominoeffekts.

    Bei der Kostenargumentation wird immer wieder auf mangelnde Auslastung hingewiesen. Lage-Hörste liegt aktuell eher im Schnitt. Seit 2009 gibt es bei ver.di die Vorgabe, für Betriebsräteschulungen und anderen Bildungsmaßnahmen verstärkt die eigenen Bildungszentren und nicht etwa Hotels zu nutzen. Wurde das nicht energisch genug praktiziert?

    Ich habe eine entsprechende Beschlussfassung im Bundesvorstand durchgesetzt, in der Tat. Die Umsetzung wird selbstverständlich geprüft, etwa von den Revisoren. In Nordrhein-Westfalen hat der dortige ver.di-Landesvorstand einen Beschluss gefasst, die Bildungszentren stärker zu belegen. Die Probleme in der Auslastung haben, so vermute ich, mit verstärkter Konkurrenz im privaten Bildungssektor und eher damit zu tun, dass bei ver.di insgesamt weniger Bildungsveranstaltungen und Klausurtagungen stattfinden. Regional wird zum Teil umgedacht, es geht mehr in Richtung „Bildung vor Ort“, damit die Kolleginnen und Kollegen nicht weit reisen und länger von zu Hause weg sein müssen. Auch bei Betriebs- und Personalräten beobachte ich eine Tendenz zu „Inhouse-Seminaren“ und ein verändertes Selbstverständnis zu gewerkschaftlichen Bildungsangeboten.

    Müsste man also insgesamt mehr steuern?

    Das tun wir. Wir sensibilisieren, koordinieren Bildungsprogramme, damit es zu keinen Dopplungen kommt und wir uns nicht noch gegenseitig Konkurrenz machen. Wir arbeiten daran, das ver.di-Label als Bildungsträger auf dem härter umkämpften Markt gut zu platzieren.

    Zurück zum Heinrich-Hansen-Haus. Wenn der Gewerkschaftsrat sich der Meinung anschließt und das Aus verkündet, dann würde auch das Kosten verursachen...

    Ja, die sind jedoch im Vergleich zum Investitionsbedarf vertretbar. Da gibt es Erfahrungen aus dem Jahr 2003, als sechs Häuser quasi gleichzeitig geschlossen werden mussten.

    Mit Eurer Schließungsempfehlung ist die Zusicherung verbunden, Beschäftigungsmöglichkeiten und Ressourcen zu erhalten, auch der Etat soll bestehen bleiben. Wie sollte das geschehen?

    Das Haus als Immobilie ist das eine, das Institut für Bildung, Medien und Kunst (IMK), das jetzt darin untergebracht ist, sowie die gute Bildungsarbeit in Lage-Hörste das andere. ver.di ist Träger des IMK und bleibt es auch. Das Institut ist ein zertifizierter und damit auch geförderter Bildungsträger in Nordrhein-Westfalen und hat sich gute Standards in der Bildungsarbeit erarbeitet. Das Heinrich-Hansen-Haus wird zu etwas weniger als  25 Prozent  mit Veranstaltungen des Fachbereiches 8 ausgelastet, mit traditionellen wie Drucker-Tagen und Typo-Tagen, aber auch mit guten Angeboten im Bereich Kunst und Medien, zu Themen aus Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das wird alles weitergeführt werden. Im 15 Kilometer weiter gelegenen „Bunten Haus“ in Bielefeld oder an einem anderen Ort, vielleicht sogar gebündelt. Ich möchte jedenfalls möglichst viele Leute gewinnen, diese Arbeit weiterzumachen. Dazu braucht es jetzt ein Konzept, das unter Beteiligung des FB 8 erarbeitet werden und dort auch Akzeptanz finden soll.

    Und praktisch?

    Ich verstehe, dass viele jetzt fassungslos, wütend und enttäuscht sind, vor allem auch die Beschäftigten. Deshalb fahre ich selbst hin, unseren Beschluss dort zu erläutern und zu begründen. Das ist für mich kein leichter Gang. Aber ich werde mich nicht wegducken. Meine Erfahrung sagt, Übergänge schaffen sich am besten über die Menschen; sie können Brücken bauen, neues Vertrauen schaffen. Deshalb wünsche ich mir auch so sehr, dass möglichst viele der 25 Beschäftigten diesen Schritt mitgehen können. Wir sind uns auch mit den übrigen Bildungsstätten einig, dass sie ihre Tür für Beschäftigte aus Lage-Hörste öffnen werden.

    Und es gibt keine Pläne, das Heinrich-Hansen-Haus gar als eine Art Schließungspiloten zu sehen?

    Nein. Wenn uns diese Baukosten nicht überrollt hätten, wäre niemand auf die Idee gekommen, überhaupt eines der Häuser zur Disposition zu stellen. Die zentralen Bildungszentren sollen erhalten werden. Ich habe mich dafür stark gemacht, dass das Budget von 1,39 Prozent des ver.di-Haushaltes dafür stabil bleibt. Wir stehen zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, das ist eine klare Sache und von der jetzigen Entscheidung ganz unberührt. Wir bieten ein gutes Programm an. Im Übrigen subventionieren wir bei ver.di-Belegungen in den Bildungszentren ja auch jede Veranstaltung mit 20 Euro pro Tag und Teilnehmer.

    Fragen: Helma Nehrlich

    05.03.2015