Durchschuss

    »Schrift und öffentlicher Raum«


    21. Leipziger Typotage:

    »Schrift und öffentlicher Raum«


    Jeder Schriftzug ist eine Botschaft Gundula Lasch Jeder Schriftzug ist eine Botschaft

    Jeder Schriftzug eine Botschaft


    Von Gundula Lasch

    Der öffentliche Raum ist voller Schrift: Auf Hausfassaden, Leitsystemen, Plakaten und Werbeflächen prägen sie unsere visuelle Kultur. Neue öffentliche Räume – losgelöst von physischer Präsenz - entstehen im Internet. Kommunikationsprozesse vollziehen sich analog und zunehmend in digitalen Sphären. Die Schrift als „Botschafterin“ bleibt. Sie erzeugt Emotionen und transportiert Wissen, beeinflusst unser Verständnis von Ästhetik. Die enge Beziehung von Schrift und öffentlichem Raum stand im Fokus der 21. Leipziger Typotage am 9. Mai 2015. Die neun Vorträge im Druckkunstmuseum beleuchteten das Thema unter historischen, wissenschaftlichen, technischen und gestalterischen Aspekten. Die bis auf den letzten Platz gefüllte Veranstaltung für die „Freunde der Buchstaben“, wie Ludwig Devrient die Teilnehmer/innen begrüßte, bewies: Der Veranstalter, der Förderverein des Druckkunstmuseums, hatte auch 2015 thematisch den Nagel auf den Kopf getroffen. Und der große Anteil jungen Publikums lässt die Organisatoren des traditionsreichen Vortragstages optimistisch in die Zukunft blicken.

    Jan Spurk Druckkunstmuseum Jan Spurk


    Jan Spurk: „Schrift hat eine unterschätzte Macht“
     

    Die thematische Klammer der Typotage bildete der Vortrag von  Prof. Dr. Jan Spurk, Soziologie-Professor an der Université Descartes (Sorbonne) und Leiter des Laboratoire Sens et Compréhension du Monde Contemporain (LASCO) in Paris. Der gebürtige Saarländer setzt sich vor allem sozialkiritisch mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander. Dabei stieß er auf die besondere Bedeutung von Schrift im öffentlichen Raum: „Öffentlichkeit entsteht, wenn Menschen soziale, kulturelle und politische Beziehungen knüpfen. Dies benötigt öffentliche Räume, die Zeichen beinhalten. Schrift ist ein solches Zeichen: unabdingbar, sinnschaffend und -vermittelnd.“ 

    Spurk öffnete den Blick dafür, wie Schrift als systematischer Code Botschaften vermittelt: Ganz banal auf Hinweisschildern, in Straßennamen, auf Gedenktafeln, als Graffiti oder Leuchtreklame. „Schrift ist ein zentrales Medium, das strukturierend auf die Gesellschaft wirkt.“ Überraschend sein kleiner Exkurs, der den engen Zusammenhang zwischen Schrift, Sprache und Bedeutung verdeutlichte: „Parkplatz – was ist das? Ein Park mit viel Platz? Ein Platz gleich neben einem schönen Park?“ Wir alle wissen, was ein Parkplatz ist - es gibt also keine Zweifel, wir alle beherrschen die Codes hinter der Schrift. Nur derjenige, der die Schrift nicht lesen kann, die Sprache nicht beherrscht, ist „draußen“ aus den sozialen und kulturellen Zusammenhängen. Schrift ist also auch identitätsstiftend und prägend für eine Gesellschaft. 

    Gleichzeitig sei die etablierte Schrift im öffentlichen Raum nicht aufklärerisch oder gar ein Aufruf zu Mut und eigener Vernunft. Vielmehr sei sie Botschafterin von Normen: „Rasen betreten verboten!“ oder „Links abbiegen“ – hier wird im Wortsinn vorgeschrieben, was „normal“ ist. Vorschriften regeln viele Bereiche unseres Lebens. Und was ist, wenn wir diesen Normen nicht Folge leisten? „Ausbrechen ist möglich“, betonte Spurk. Der erste Schritt sei, eigene Gedanken zu entwickeln und sie mit einer „Gegenschrift“ im öffentlichen Raum auch anderen zugänglich machen. Auch die kennen wir alle: Als provisorische Zettel an Laternenpfählen, an die Wand geschriebene Parolen, als Aufschriften von Protestplakaten, Banner bei Demonstrationen. 

    Kritisch beleuchtete Spurk den dritten Aspekt von Schrift im öffentlichen Raum – die in mehr oder minder offensiven (Werbe-)Botschaften enthaltene Aufforderung zu konsumieren: „Der öffentliche Raum wird vermarktet, die Schrift deklariert Konsum als Normalität.“ Doch auch hier sei Widerspruch möglich, zeige sich etwa in der kreativen Verfremdung von bekannten Markenlogos oder in zugeschmierten und übermalten Werbeflächen. „Auch das auf ein Stück Pappe geschriebene ICH HABE HUNGER eines Bettlers inmitten einer von Werbebotschaften überfluteten Fußgängerzone ist eine Art Gegenschrift“, erklärte Spurk.

    Fazit: „Wer die Schrift beherrscht, der beherrscht die Gesellschaft und ihre Zukunft. Deshalb ist der Streit um Schrift im öffentlichen Raum ein Beweis lebendiger Demokratie.“ 

    Im anschließenden Gespräch vertrat Spurk die Ansicht, dass die Macht von Schrift im öffentlichen Raum oftmals noch unterschätzt wird: „Soziologisch ist das noch wenig analysiert. Wenn wir uns aber bewusst machen, welche Sinn stiftende Macht Schrift hat, wird uns klar, was man damit ausrichten kann. Die Werbeindustrie hat sie längst zu ihrem Instrument gemacht. Akteure von Gegenbewegungen sollten sich dazu mehr Gedanken machen und Schrift als Instrument im öffentlichen Raum – der ja auch Internet heißen kann – benutzen. In Griechenland und Portugal zum Beispiel wird der öffentliche Raum von Gegenbewegungen schon viel offensiver genutzt.“

    Im Februar erschien Jan Spurks neueste Publikation zum Thema »Öffentlichkeit«. www.parisdescartes.fr

    Nicholas Ganz Druckkunstmuseum Nicholas Ganz


    Graffiti als Gegenbewegung zur Werbung

    Wie das „In-Besitz-Nehmen des öffentlichen Raums“ aussehen kann, zeigte Nicholas Ganz in seinem Vortrag über Graffitis. Der freie Fotograf aus Essen, der selbst unter dem Pseudonym Keinom seine Botschaften in der Öffentlichkeit hinterlässt, zeigte Gesprühtes, Gemaltes, Gekritzeltes und Geschmiertes aus aller Welt. „Mit Höhlenzeichnungen fing alles an – heute werden mit Hilfe von Graffiti urbane Räume zurück erobert“, so Ganz. Auch wenn es mittlerweile zahlreiche Stilrichtungen von kunstvollen Bildern über minimalistische Schablonensprühereien bis hin zu politischen Botschaften und sogar Lyrik gibt - ein großer Teil der Graffiti-Szene sei als Gegenbewegung zur Werbung zu verstehen. Ein umstrittenes Thema. Auf die Frage, was er zu oftmals benutzten Begriffen wie Sachbeschädigung oder Vandalismus im Zusammenhang mit Graffiti meine, sagte Ganz: „Ich versehe nicht, wieso sich Leute derart über so genannte Schmierereien aufregen – aber nicht über geschmacklose wenn nicht gar skandalöse Werbung.“ Ganz findet halbnackte junge Mädchen auf Werbewänden oder offene Aufforderungen zum Konsumieren von Alkohol und Zigaretten abstoßender als ein Graffiti. „Kunst, Lyrik und Gesellschaftskritik gehören in den öffentlichen Raum und nicht in Bücher“, meint Ganz. Und wenn er zeigt, wie in Italien Gedichte in schönster Kalligraphie-Schrift an Häuserwänden erscheinen, kommt man ins Grübeln über Zuordnungen wie „Verschandelung“ oder „Zerstörung“ von Bauwerken. 

    Wie sinnstiftend die oftmals illegalen Botschaften sein können, zeigte Ganz unter anderem mit den Plakaten von „Freewayblogger“ in den USA: An Autobahnbrücken konfrontiert der Künstler Tausende von Autofahrern mit Parolen wie „Save the Humans“. Im lateinamerikanischen Raum weit verbreitet sind die Botschaften der Gruppe „Accion Poetica“, die meist auf lyrische Art Gesellschaftskritik übt. In Deutschland ist es das „Pappsatt-Kollektiv“, das in Berlin oder Bremen mit Aufschriften wie „Ihr planiert die Seele der Stadt“ öffentliche Kritik an der Gentrifizierung übt. Auf demokratische Willensbildung zielt das Projekt von Candy Chang, die an Abrisshäusern in New Orleans Schreibtafeln aufhing. Sie überließ es Passanten, den aufgesprühten Satzanfang „Before I die I want to...“ mit Kreide zu ergänzen. Es dauerte einen einzigen Tag, bis die Tafeln mit Wünschen und Vorstellungen vollgeschrieben waren, was die Menschen noch tun möchten, bevor sie sterben. Mittlerweile hängen insgesamt 400 dieser Tafeln in 16 Ländern...

    Soeben erschien von Nicholas Ganz der Bildband »Street Messages« über Texte im öffentlichen Raum. www.nicholasganz.de