Der Sprachwart

    Tragisch, tragisch

    Tragisch, tragisch

    Unfälle und andere schlimme Vorkommnisse werden von sprachverarmten Journalisten, die kaum Synonyme kennen, gern als tragisch bezeichnet. Das führt zu einem inflationären Gebrauch. Doch trifft das Adjektiv genau genommen nur dann zu, wenn jemand unwissentlich in Gefahr geraten ist, wenn er unverschuldet etwas erlitten hat und dadurch unser Mitleid verdient. Sie oder er hat sich nicht mutwillig in Gefahr begeben, war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort, etwa bei einem Zusammenstoß mit einem Geisterfahrer auf der Autobahn. Das klassische Beispiel liefert Ödipus, der einer schrecklichen Prophezeiung des Orakels von Delphi unbedingt ausweichen wollte und trotzdem dem Verhängnis nicht entging. 

    Wenn dagegen jemand das Schicksal herausfordert, sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzt, dann kann von Tragik nicht gesprochen werden. Als „tragischen“ Fall bezeichnete eine Schweizer Zeitung dennoch Folgendes: Eine Herde von Mutterkühen mit ihren Kälbern sei eingezäunt gewesen und Schilder hätten davor gewarnt, das Gelände zu betreten. Eine 70-jährige Touristin ignorierte das, vermutlich um den Weg abzukürzen. Sie wurde von den Tieren attackiert und ist den Verletzungen erlegen. – Die Frau steckte in keiner ausweglosen Lage. Sie musste wissen, dass sie etwas riskiert. Eine durchaus traurige Geschichte, aber wo ist die Tragik? 

    Schon gar keinen Anspruch auf unser Adjektiv hat der Satz: „Ein 21 Jahre alter Mann verunglückte in Albig (Kreis Alzey-Worms) tragisch.“ Wie es weiter heißt, surfte er angetrunken auf dem Dach des Autos, das seinem ebenfalls angetüterten Freund gehört, stürzte und verletzte sich tödlich. - Mutwillen, Leichtsinn, Gewissenlosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern haben einfach nichts mit Tragik zu tun.

    Die Folgen von Unfällen, Feuerbrünsten, Beschießungen oder Luftangriffen lassen sich als schlimm, schrecklich, bestürzend, folgenschwer, entsetzlich, furchtbar bezeichnen. Sie können erschütternd, schauderhaft, grauenhaft, grässlich sein, aber längst nicht immer sind sie tragisch.

    Dietrich Lade