Druck und Papier

    Umgehungsversuche

    Umgehungsversuche

    Funke-Zusteller streikten in Hagen Jürgen Seidel Funke-Zusteller streikten in Hagen

    Mindestlohn – denkste? Erst seit wenigen Wochen gilt in Deutschland die gesetzliche Lohnuntergrenze. Schon wollen Kräfte in der CDU/CSU wesentliche Elemente des Gesetzes wieder kippen und dessen effektive Kontrolle verhindern. Und auf betrieblicher Ebene setzen etliche Unternehmer darauf, den Mindestlohn zu umgehen. In der Zeitungszustellung wird vielerorts bei der Umrechnung von Stück- in Stundenlöhne getrickst. Die NW-Mediengruppe in Bielefeld hat gar drei neue Zustellgesellschaften gegründet – offensichtlich auch mit dem Ziel, sich des aktiven Betriebsrats zu entledigen.

    Wirtschaftskrimi in Bielefeld

    „Noch während wir über eine Betriebsvereinbarung zur Umsetzung des Mindestlohns verhandelten, hat das Unternehmen hinter unserem Rücken drei neue Zustelltöchter gegründet“, berichtet Dietmar Hölscher vom Betriebsrat der NW-Logistik. Die rund 1100 Beschäftigten, die die „Neue Westfälische“ und andere Blätter in der Region austragen, würden gedrängt, in die neuen Gesellschaften zu wechseln. Dort fanden sogar bereits Betriebsratswahlen statt – ohne die zuständige Gewerkschaft ver.di auch nur zu informieren.

    Als „Wirtschaftskrimi“ sehen Hölscher und die ver.di-Aktiven bei der NW-Logistik das Vorgehen. Sie vermuten, dass das Unternehmen so die vor 2004 eingestellten Beschäftigten loswerden will, die zu vergleichsweise guten Konditionen arbeiten. Der Betriebsrat der NW-Logistik – der in den vergangenen Jahren viele Verbesserungen durchgesetzt hat und bei der Umsetzung des Mindestlohns auf angemessenen Zeitvorgaben besteht – würde so mangels Beschäftigter überflüssig und könnte bei späterer Insolvenz der Altgesellschaft mit „entsorgt“ werden. Das wollen sich die Gewerkschafter nicht gefallen lassen. Öffentliche Proteste sind in Vorbereitung.

    In Hagen blieben die Stapel liegen

    Bei Funke Logistik im nordrhein-westfälischen Hagen sind die Zusteller in den vergangenen Wochen bereits mehrfach in Aktion getreten. Am 17. Januar 2015 legten sie zum zweiten Mal die Arbeit nieder, um einen Tarifvertrag für die rund 500 Beschäftigten zu erreichen. In 246 Zustellbezirken blieben an diesem Sonnabend die Zeitungen liegen. Beim ersten Streik am 5. Dezember wurde in 133 Bezirke nicht ausgetragen. „Das hat den Arbeitgeber massiv getroffen“, ist ver.di-Aktivistin Gabriele Wendel-Brand überzeugt. Der Essener Medienkonzern karrte Beschäftigte aus dem ganzen Ruhrgebiet nach Hagen, um die Auswirkungen des Streiks zu verringern – offenbar ohne diese Zusteller über die wirklichen Hintergründe ihres Einsatzes zu informieren.

    Unmittelbar nach dem erneuten Ausstand bot die Geschäftsleitung ver.di drei Verhandlungstermine an. Die Gewerkschaft verlangt per Haustarifvertrag 8,50 Euro Stundenlohn, während das Management derzeit nur 7,80 Euro zahlen will. Weitere ver.di-Forderungen sind Nachtzuschläge von mindestens 25 Prozent, Zuschläge für ungeplante Mehrarbeit, eine Erhöhung des Kilometergelds und der Entfernungspauschale, eine bessere Entlohnung von Nachlieferungen, 30 Tage Urlaub im Jahr sowie die Einführung von Weihnachts- und Urlaubsgeld.

    Wenn die Zustellung nicht läuft...

    „Von den 360 Euro, die ein Jahres-Abonnement kostet, blieben bislang gerade mal 20 Euro bei den Zustellern hängen“, rechnet Gabriele Wendel-Brand vor, die auch Vorsitzende des Betriebsrats ist. Dabei sorgten die Zusteller dafür, dass die Zeitung bei Wind und Wetter im Briefkasten liegt. „Der Redakteur kann sich wund schreiben, der Drucker bestens drucken und der Verlag pünktlich die Zeitung ausliefern – wenn der Zusteller nicht läuft, ist das alles umsonst.“ 

    Daniel Behruzi